Einzelschicksale in der Pandemie

Es gibt in meiner derzeitigen Arbeit immer wieder Einzelschicksale, die mir besonders im Gedächtnis bleiben.

Ich arbeite im Feld der Pandemiebekämpfung. Eine der Aufgaben unserer Abteilung besteht darin,

  • positiv getestete Personen telefonisch zu kontaktieren,
  • einen Fragenkatalog mit ihnen durchzugehen und
  • den Betroffenen am Ende den sogenannten Absonderungszeitraum (Beginn und Ende der vorgeschriebenen Quarantäne) zu nennen, der dann bereits Bescheidcharakter hat. In weiterer Folge ermitteln wir die Kontaktpersonen und schicken sie ggf. ebenfalls in Quarantäne.

Wir alle hören von Infektionszahlen und Inzidenzen, das ist alles sehr abstrakt. Hinter diesen Zahlen stehen teilweise Einzelschicksale, die erschüttern und die mich nachdenklich und traurig machen.

Persönlich Details habe ich zum Schutz der Privatsphäre der Personen verfremdet.

EINS

Ich spreche mit dem Onkel des 28jährigen. Er liegt seit Tagen “mit einem Schlauch im Hals” auf der Intensivstation im künstlichen Tiefschlaf. Vorerkrankungen? Als Kind hatte er Asthma, sonst ist er gesund.

Wie es mit ihm weitergeht “steht in den Sternen”, sagen die Ärzte.

ZWEI

Die ältere Dame ist sehr aufgeregt. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie alleine in der großen Wohnung. Sie atmet schnell, die Angst kriecht förmlich aus dem Hörer.

Sie ist sehr übergewichtig und hat hohen Blutdruck, da wird sie doch sicher schwer erkranken? Dann noch ihr Alter…

Das Telefonat dauert länger, als es für die Erhebung der erforderlichen Daten nötig wäre. Ich versuche sie zu beruhigen.

In den folgenden Tagen muss ich immer wieder an sie denken, ob sich ihre Symptome verschlechtert haben?

DREI

Das Telefon läutet so lang, dass ich schon auflegen wollte. Eine männliche Stimme meldet sich, sie klingt schwach, ich höre den Herrn schwer atmen.

Er liegt im Spital. Ist er sicher, dass er dieses Gespräch führen möchte? Ja ja, es geht schon. Nach ein paar Fragen wird klar: es geht nicht. In welchem Krankenhaus er liegt, möchte ich zum Abschluss wissen. Es fängt mit F an… oder doch mit H? Die Rettung hat ihn gestern Nacht von zu Hause abgeholt, der Name des Spitals ist im entfallen.

Ich rufe in den Kliniken Favoriten, Floridsdorf und Hietzing, dann in den anderen städtischen Krankenhäusern an, bis ich ihn finde. Mithilfe des medizinischen Personals kann ich den Fall abschließen..

VIER

Erst abends erreiche ich den Betreuer, der offensichtlich am Diensthandy abgehoben hat obwohl er schon frei hat. Der jungen Frau geht es gut, sie hat keine Symptome. Nur das Eingesperrtsein ist sehr schwierig für sie, macht sie aggressiv. Es sind zu wenige Betreuer da, um unter Corona-Bedingungen allen Klienten regelmäßig Bewegung draußen zu ermöglichen.

Auch die Isolation von den anderen BewohnerInnen ist nicht möglich. Sie versteht nicht, warum sie ihr Zimmer nicht verlassen bzw. außerhalb eine Maske aufsetzen soll.

Wie viele MitbewohnerInnen gibt es denn? Sie sind zu zwölft in der Wohneinheit, wir sollen am nächsten Tag anrufen um deren Daten zu erheben. Sie müssen als Kontaktpersonen alle auch in Quarantäne.

FÜNF

Ich erreiche die Dame im Auto, sie ist gerade im Begriff nach Ungarn zu fahren, dort ist sie zu Hause. Sie hat seit drei Tagen – bis vor wenigen Minuten – als Sporttrainerin in einem Wiener Verein gearbeitet. Nein, sie hat keine Symptome, es geht ihr gut.

Ich teile ihr mit, dass sie jetzt in Wien bleiben und hier ihre Quarantänezeit verbringen muss. “Wo soll ich denn wohnen? Ich habe hier keine Unterkunft mehr!!” Ihre Verärgerung ist nur zu verständlich. Meinem Vorgesetzten gelingt es, eine Wohnmöglichkeit für die Dame zu organisieren.

SECHS

1925 ist das Geburtsjahr des sehr rüstig wirkenden alten Herrn. Er hat keine Symptome, nicht wirklich, bis auf ein wenig Kopfschmerzen. Kopfschmerzen hat er sonst nie.

Was ihm zu schaffen macht, ist der kurz zurückliegende Tod seiner Frau. Mehr als sechzig Jahre waren sie verheiratet, ihr Verlust fühlt sich an als hätte man ihm Hand oder Fuß genommen. Er erzählt mir von ihr, die Ehe war sehr harmonisch, sie waren “ein gutes Team”. Ja, er hat drei Kinder, aber die leben leider alle weit weg.

Die Wohnung ist so leer ohne sie, jeden Tag fragt er sich, wozu er morgens überhaupt aufstehen soll.

Irgendwann gelingt es mir, alle notwendigen Informationen zu erhalten und will mich verabschieden. Müssen wir das Gespräch wirklich schon beenden? Ich muss noch mit anderen Personen telefonieren, leider!

Aber ich kann doch wieder mal anrufen, er würde sich freuen, sagt er.

Corona Infos:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.